Winzerfest: Fiasko oder voller Erfolg?

par Administrateur 24.09 2019
Kürzlich gab die Winzerbruderschaft einen Gewinnausfall von 16 Millionen bei einem vor Langem kommunizierten Budget von 100 Millionen bekannt.
 
Darauf folgte in den Medien eine Flut von Kommentaren, Kolumnen und Leitartikeln. Die Rede war beinahe einhellig von «Fiasko», «Grössenwahn», «finanziell nicht machbar», «strategischen Fehlern» und so weiter.
 
Ich persönlich denke, dass das Defizit höher ausfällt als angekündigt, wenn die definitive Bilanz veröffentlicht wird. Was soll’s?
 
Die einzige Kritik, die ich zumindest teilweise gerechtfertigt finde, betrifft die Eintrittspreise, denn ein solches Fest muss allen zugänglich sein. In der Folge gilt es zu akzeptieren, dass ein höheres Defizit übrig bleibt.
 

Ein ganz besonderes, märchenhaftes Spektakel, das unvergessen bleibt

 
Ziehen wir nun eine Gesamtbilanz. Es war ein ganz besonderes, märchenhaftes Spektakel, das unvergessen bleibt. Doch es war längst nicht nur das, sondern auch eine eindrückliche Demonstration des sozialen Zusammenhalts in unserem Land.
 
5500 freiwillig Mitwirkende investierten viel Zeit, aber auch Geld in ihre Kostüme – Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, allen Berufen, Immigrant/-innen und Einwohner/innen aus allen Kantonen. Die Schweizerinnen und Schweizer haben sich von ihrer besten Seite gezeigt. Die Bevölkerung des Städtchens Vevey, die etwa 20’000 Einwohner zählt, verdoppelte sich Tag für Tag, und das während der gesamten Veranstaltungsdauer!
 
Gab es grössere Zwischenfälle, Auseinandersetzungen oder mehrfach unsoziales Verhalten? Mussten umfangreiche Sicherheitsmassnahmen ergriffen werden, mit Polizisten an jeder Ecke wie beispielsweise bei einem Fussballspiel?
 
Als ich dieses Fest sah, mit allem was dazugehört, war ich stolz, Schweizer zu sein, stolz, einem Volk anzugehören, das in einem kosmopolitischen Rahmen, in einer wundervollen Atmosphäre, Spass haben kann und sich dabei rundum sicher fühlt.
 
Genau darum beneidet uns die ganze Welt!
 
Dass das Winzerfest ein solcher Erfolg war, ist neben den Organisatoren und Freiwilligen auch den Hunderttausenden Besuchern zu verdanken, die nach Vevey gekommen sind.
 

Und worüber wird jetzt geredet? DAS GELD!

 
Wir sind gewiss ein kleines Land, aber eines der reichsten der Welt. Wenn ein Land wie unseres nicht die Mittel aufbringt, um sich eine solche Veranstaltung zu gönnen, wer dann?
 
Die meisten Kommentatoren und Leitartikler machen sich einzig Gedanken über die öffentlichen Gelder. Ich würde mir wünschen, dass sie nicht nur an die Ausgaben, sondern auch an den Ertrag denken.
 
Nehmen wir an, das Defizit würde 20 Millionen betragen. Die Organisatoren des Winzerfestes haben nicht zuletzt etwa 8 Millionen an öffentliche Körperschaften gezahlt. Der wirtschaftliche Nutzen für Vevey, die Region und den Kanton Waadt ist enorm. Denken Sie an die Hotels, an den öffentlichen Verkehr, die verschiedenen Geschäfte, die Restaurants und auch an die Schneider, die für mehrere Millionen Franken Kostüme nähten. Auf Bundesebene flossen unglaubliche Beträge in die Mehrwertsteuerkasse.
 
Laut «24 heures» kamen 1 Million Besucher und 375’000 Zuschauer, die während der drei Wochen zusammengenommen eine kolossale Summe ausgaben.
 
Aber es kommt noch besser: Das Jahresbudget von Schweiz Tourismus beträgt um die 95 Millionen, wozu der Bund etwa 53 Millionen beisteuert.
 
Ein Grossteil dieses Budgets wird für Marketing und Werbung im Ausland eingesetzt, insbesondere in zukunftsträchtigen Märkten wie Indien und China.
 
Die weltweite Medienberichterstattung über das Winzerfest war beachtlich. Alle grossen Fernsehsender wie CNN, BBC, CCTV, NHK, NDTV und weitere berichteten über das Ereignis.
 
Die Berichterstattung in der ganzen Welt hat eine Werbewirkung, die ihresgleichen sucht. Tourismus Schweiz hätte eine solche Kommunikationskampagne für unser Land niemals finanzieren können.
 
Die Tourismusbranche stellt mit einem Umsatz zu laufenden Preisen von fast 45 Milliarden Franken und 176’000 Arbeitsplätzen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für unser Land dar.
 
Und das Winzerfest hat unbestreitbar einen Beitrag an die Entwicklung eines sehr wichtigen wirtschaftlichen Sektors geleistet.
 

Auf zum nächsten Winzerfest!

 
Also ehrlich gesagt, wenn man all dies berücksichtigt, vor allem auch den sozialen Aspekt und das menschliche Erlebnis der Mitwirkenden und Besucher, was sind da 16 oder 20 Millionen?
 
Die Stadt Vevey, der Kanton Waadt und der Bund können das Defizit nach einem Verteilschlüssel unter sich aufteilen und gewinnen dabei immer noch ziemlich viel.
 
Zeigen wir der Welt, in Fortsetzung der Erfolgsgeschichte des Festes, dass wir kein kleinliches Volk sind, und regeln wir diese Angelegenheit so bald wie möglich. 
 
Und hoffen wir, dass die neuen Gesichter, die in 20 Jahren das nächste Winzerfest organisieren, ebenso mutig und mit ebenso viel Leidenschaft ans Werk gehen.